Digitale Teilhabe – mehr als ein Internetzugang

Menschen mit Beeinträchtigung lernen bei der Lebenshilfe Brakel digitale Teilhabe und gewinnen dabei Selbstvertrauen: In den Workshops „Sei dabei – sei digital“ geht es um Internet, Datenschutz, KI und den sicheren Umgang mit digitalen Medien. Unterstützt von der SozialstiftungNRW entdecken die Teilnehmenden nicht nur Technik, sondern auch ihre eigenen Fähigkeiten.

Die Lebenshilfe Brakel hilft, digitale Chancen selbstbestimmt zu nutzen

Helena hat ein ganz klares Ziel: „Ich möchte lernen, wie ich übers Internet mit meiner Tante in Verbindung komme.“ Sie ist eine von zehn Teilnehmerinnen und Teilnehmern in der Schulung „Sei dabei – sei digital“ bei der Lebenshilfe Brakel. Es geht um Grundlagen und um speziellere Fragen wie Künstliche Intelligenz, Fake-News oder Computerspiele. An Tag eins erst einmal die Grundlagen:

Im Schulungsraum sitzen zehn Frauen und Männer, die die Lebenshilfe Brakel ambulant betreut, an einem langen Tisch. Sie sind geistig oder psychisch beeinträchtigt, teils auch körperlich, was sie nicht davon abhält, im Internet aktiv zu sein. Allerdings sind sie gefährdeter als nicht beeinträchtigte Menschen. Projektleiterin Christina Ising berichtet, dass sie bei einigen Klientinnen und Klienten einen Realitätsverlust durch Computerspielen beobachtet, einige seien auf Chatbots hereingefallen, andere hätten auf Partnerbörsen mehr Geld ausgegeben, als geplant. Das passiert auch nicht beeinträchtigten Menschen.In der Zielgruppe der Lebenshilfe Brakel geschieht das allerdings häufiger. 

Bedarfe der Zielgruppe fest im Blick

Das Projekt „Sei dabei – sei digital“ will hier Sicherheit geben. Die SozialstiftungNRW fördert es im Rahmen des Programms „Digitale Teilhabe stärken – gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“. Vor fast sechs Jahren hat die Stiftung im Rahmen des Sonderprogramms „Zugänge erhalten – Digitalisierung stärken“ schon einmal ein Modellprojekt der Lebenshilfe Brakel gefördert. Damals nahm die Digitalisierung überall Fahrt auf und der SozialstiftungNRW war es wichtig, dass die Soziale Arbeit in dieser Entwicklung nicht abgehängt wird. Dass die Lebenshilfe Brakel auf das Modellprojekt aufbauen konnte, half enorm, sagt Ising: „Wir mussten praktisch keine neuen Geräte anschaffen. Und wir konnten das neue Projekt exakt an den Bedarfen der Zielgruppe ausrichten.“ Denn seit dem Vorgängerprojekt „Rookie“ gibt es bei der Lebenshilfe Brakel Digitalexpertinnen und -experten. In jeder Wohngruppe ist eine Person in dieser Funktion geschult worden. Am monatlichen digitalen Stammtisch entstand zusammen mit den Digitalexpertinnen und -experten die Idee für die neuen Schulungen.

Gemeinsam haben sie Bedarfe festgestellt, weil in den Wohngruppen inzwischen viele Menschen neu sind. Und auch die die Digitalexpertinnen und -experten möchten ihr Wissen auffrischen. Schnell haben die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des digitalen Stammtischsdie Idee entwickelt, dass es ein eigenes Angebot für die ambulant betreuten Klientinnen und Klienten geben soll. Für die Schulungen arbeitet die Lebenshilfe Brakel mit der Agentur „Erdmännchen & Bär“ zusammen, mit Medienpädagogen, die auf Digitale Teilhabe spezialisiert sind und die Schulungen im Tandem mit den Digitalexpertinnen und -experten leiten. An der Schulung, an der auch Helena teilnimmt, sind mit Gabi und Alex zwei Digitalexpertinnen bzw. -experten dabei. Sie helfen anderen in der Gruppe, die richtigen Eingabefenster und Tasten an den Tablets zu finden. 

Zum Start geht es erstmal um Begrifflichkeiten: Was ist eigentlich ein Computer, was ist das Internet? Was ist Hardware, was Software und was sind Apps? Die Begriffe hat Dozent Sebastian Jähnke mit einem Beamer an die Wand projiziert. Folie eins stellt den Computer dar. Kristina erklärt ihn als ein Gerät, mit dessen Hilfe man sich informieren kann: „Da kann ich Zeitung lesen oder gucken, wo ich Urlaub machen möchte. Und da bearbeite ich mit meinem Betreuer auch meine Post.“ „Das ist doch Hardware, der Computer. Alles was man anfassen kann“, ruft Tim in den Raum. Jähnke grinst: „Jetzt hast du mir meine nächste Folie gemopst.“ Zu Hardware und Software gibt es tatsächlich später noch je eine Folie. Die Teilnehmenden freuen sich sichtlich über das, was sie schon wissen und platzen fast damit heraus. 

Datenschutz und Cookie-Einstellungen

Daten sind der nächste große Block im Workshop. Die Teilnehmenden sammeln, was alles dazu gehört: Passwörter, Mail-Adressen, Telefonnummern, Name, Alter, Bankdaten, Herkunft, Vorlieben, Bilder… Jähnke schießt ein Selfie mit dem Smartphone und hält es hoch: „Was weiß jemand über mich, der das Bild sieht?“ Es zeigt das Gesicht einer weißen Person mit Vollbart und dunklen kurzen Locken. Die Gruppe hält fest: Haarfarbe und Geschlecht, ungefähr auch das Alter. Bianca fragt, warum denn niemand etwas über ihre Herkunft wissen soll. Jähnke erklärt, beim Datenschutz gehe es darum, dass sie entscheidet, was jemand über sie wissen soll und was nicht. „Du gehst ja zum Beispiel auch nicht am Bahnhof spazieren und gibst jedem deine Daten, deine E-Mail-Adresse zum Beispiel“, sagt er. 

Nach einer kurzen Pause gibt es ein Quizz, das die Inhalte vom Vormittag noch einmal zusammenfasst. Dazu scannen die Teilnehmenden einen QR-Code, lernen das QR für „Quick Response“ steht, und bearbeiten am Tablet Multiple-Choice-Fragen. Punkte gibt es für richtige Antworten und dafür, wie schnell diese gegeben werden. Der kleine Wettbewerb bringt noch einmal mehr Leben in den Schulungsraum. Jonas liegt schon bald fast uneinholbar vorne. Fragen sind zum Beispiel: Womit beginnen Webseiten? Die Antwortmöglichkeiten: „www“, „ddd“, „aaa“ oder „mmm“? Zwischendurch gibt es Bilder, die sich langsam aufbauen und deren Gegenstand die Teilnehmenden erkennen sollen. Die letzte Frage ist: „Wie nennt man ein Netzwerk ohne Kabel?“ Dann hat Jonas tatsächlich gewonnen. 

Nach der Mittagspause und einer Stärkung mit Pizza vom Blech geht es um Cookie-Einstellungen und um funktionale Cookies. Sie heißen manchmal auch technisch notwendige oder essentielle Cookies und betreffen Daten, die immer gesammelt werden. Anderen Verwendungen muss man dagegen nicht zustimmen. Hier gibt man sonst unter Umständen die Erlaubnis, dass die eigenen Daten – zum Beispiel über Vorlieben – weiterverkauft werden. Dann bekommt man möglicherweise viel Werbung für Fußballtrikots, nur weil man einmal auf der Seite eines Fanshops war. Jähnke rät, alle zwei Wochen alle Cookies zu löschen. „Das ist wie Aufräumen zuhause. Manchmal muss man das machen“, sagt er. Gemeinsam klicken sich die Teilnehmenden durch die Browsereinstellungen ihrer privaten Handys und probieren das aus.

Selber einen Unterschied machen

Die beiden Teilnehmenden mit Digitalexpertise, Gabi und Alex genießen, ihre Rolle im Workshop sichtbar. Für sie ist es toll, dass sie hier diejenigen sind, die anderen helfen können. „Ich habe meine WG-Gruppe mitgebracht“, erzählt Gabi. „Dann kann ich Leute weiterbilden und wir können in der Gruppe auch einmal zusammen einen digitalen Stammtisch machen.“ Alex strahlt, als er erzählt, dass er es wichtig findet, „das Wissen in die Welt weiterzugeben, damit es mehr Leute wissen“. Für den Stiftungsratsvorsitzenden der SozialstiftungNRW Marco Schmitz beweisen solche Aussagen, dass die Kurse zur digitalen Teilhabe auch die Selbstwirksamkeit der Teilnehmenden stärken. „Wir wollen gesellschaftliche Teilhabe möglich machen. Das steht ja schon im Programmtitel ‚Digitale Teilhabe stärken – gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen‘. Wenn die Klientinnen und Klienten der Lebenshilfe Brakel dabei auch lernen, dass sie selbst Einfluss haben und einen Unterschied machen können, ist das unheimlich wertvoll.“ 

Im Rahmen des Projekts „Sei dabei – sei digital“ – nahmen insgesamt 60 ambulant betreute Klientinnen und Klienten an sechs Kursen teil. Weitere 90 Menschen wurden in den Wohngruppen erreicht. Die geförderten Projekte zur digitalen Teilhabe hätten spürbare Wirkung gezeigt, betont Ising. Dank der Unterstützung der SozialstiftungNRW sei die Digitalisierung inzwischen bei der Lebenshilfe Brakel fest verankert.