Was Projekte wirklich trägt

Rund ein Jahr nach dem Start des Programms „Digitale Teilhabe stärken, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ hat die SozialstiftungNRW Projektverantwortliche, soziale Organisationen und weitere Akteure zu einem gemeinsamen Workshop-Tag zusammengebracht. Im Mittelpunkt standen der Austausch von Praxiserfahrungen, gemeinsame Herausforderungen und die Frage, wie erfolgreiche digitale Ansätze langfristig wirksam bleiben können.

Netzwerktreffen zum Programm „Digitale Teilhabe stärken“

Gruppenarbeit im Workshop
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Noch bevor die Veranstaltung beginnt, bleiben viele Gäste an drei Stellwänden stehen. Dort haben zwei von ihnen einen Gallery Walk vorbereitet: „Tricks, Tipps und Tools zum Teilen“. Zwischen Kaffee und ersten Gesprächen, Wiedersehensfreude und Kennenlernen, lesen, diskutieren und teilen sie schon erste Ideen, bevor Norbert Killewald, Vorstand der SozialstiftungNRW, die Veranstaltung offiziell eröffnet.

Auch an der Vorbereitung der Workshops waren die Teilnehmenden von Anfang an beteiligt. Nach regelmäßigen Online-Treffen und einem Jahr Laufzeit des Programms „Digitale Teilhabe stärken, gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen“ hatten sie den Wunsch, sich in Präsenz zu sehen, nicht nur als Kachel auf einem Bildschirm. Einen Online-Termin gab es daraufhin dann noch. In dem haben sie gemeinsam daran gearbeitet, Fragen, Themen und Gedanken für die Veranstaltung zu sammeln und zu priorisieren. Daraus entstanden die drei Workshops für den Tag im Haus der Universität in Düsseldorf im Juni: Zielgruppenansprache; Vernetzung, Verstetigung und Fördermöglichkeiten sowie Projektleitung und die Verankerung von Projekten in Organisationen.

In der Gruppe „Zielgruppenansprache“ diskutierten die Teilnehmenden unter anderem darüber, wie sie ihre jeweils „Unerreichbaren“ ansprechen können - zum Beispiel die bettlägerige 73-Jährige, die ihre Wohnung nicht mehr verlassen kann. Was muss passieren, damit digitale Angebote bei ihr ankommen? Welche Kommunikationsbarrieren stehen im Weg? Eine Teilnehmerin aus der Kinder- und Jugendarbeit berichtete vom hohen Migrationsanteil in ihrer Zielgruppe. Sie erklärte, dass sie darum alle Workshops grundsätzlich in fünf Sprachen anbiete, um die Jugendlichen mit dem Angebot überhaupt zu erreichen. Gleichzeitig wurde in der Gruppe deutlich, dass in der Zielgruppe teils verborgene Talente schlummern. So berichtete ein Teilnehmer aus dem Bereich der Eingliederungshilfe von einer Klientin, die selbst Influencerin ist. Das war den Projektmitarbeitern gar nicht bewusst. „In keinem Anamnesebogen wird erfasst, welche Social-Media-Kompetenzen eine Person mitbringt oder welche Reichweite in einzelnen Kanälen vorhanden ist“, erzählt Carsten Werheit von Die Kette und berichtet schmunzelnd, man habe sich bei einem Video über die hohen Klickzahlen gewundert – und dann herausgefunden, dass die Klientin, die dort mitgewirkt hat, selbst viel mehr Follower hat, als die Organisation selbst. 

Das Beispiel verdeutlicht, wie sehr die digitale Welt in vielen Zielgruppen der Sozialen Arbeit Alltag ist. Die Frage ist entsprechend auch nicht mehr, ob Digitalisierung die soziale Arbeit verändert. Das geschieht längst. Trotzdem oder gerade deshalb bleiben digitale Projekte, wie sie die SozialstiftungNRW fördert, relevant. Damit auch alle in der Zielgruppe eine Chance zur Teilhabe bleiben, sind regelmäßig Hilfen nötig. Diese Hilfe leisten die Projekte. Und dazu wollen sie langfristig in der Lage sein. Entsprechend tritt mit zunehmender Projektlaufzeit die Frage nach der Verstetigung in den Vordergrund. 

Einen systematischen Ansatz dazu verfolgte die Arbeitsgruppe zum Thema „Vernetzung, Verstetigung und Fördermöglichkeiten“. Die Teilnehmenden hatten die Aufgabe, ihr Projekt in möglichst kleine Bestandteile zu zerlegen und diese unter drei Überschriften aufzuteilen: Stay – Welche Bestandteile lassen sich intern verankern? Spread – Welche lassen sich für andere nutzbar machen? Und Stack – Was kann an anderer Stelle andocken? Die Übung ist gar nicht so einfach. „Man merkt am eigenen Projekt, dass schon das Aufteilen in kleine Einheiten erschreckend schwierig ist“, fasst ein Teilnehmer die Herausforderung zusammen. 

Vor einer ähnlichen Herausforderung stehen auch die Teilnehmenden in der Gruppe „Projektleitung und Verankerung der Projekte in die Organisation“. Sie sollen Faktoren sammeln, die ihre Projekte tragen und Dinge, an denen es (noch) fehlt. Beides unter den Rubriken: Führung, Ressourcen, Strukturen und Beziehungen. Claudia Bessin vom Franziskusheim nimmt sich vor, sich diese Kriterien künftig regelmäßig anzuschauen, um selbst zu sehen, wo es Handlungsbedarf gibt.

Das Thema Vernetzung taucht in allen drei Gruppen auf: Vernetzung mit dem Umfeld der Zielgruppe, Vernetzung mit Kooperationspartnern, Vernetzung untereinander. Austausch und Kontakt ist auf allen Ebenen der Projektarbeit wichtig, da sind sich die Teilnehmenden einig. Das gilt auch über den Zeitraum eines Projektverlaufs hinaus. Das bringt Katharina Freund vom CJD NRW bei der Vorstellung der Ergebnisse auf dem Podium auf den Punkt: „Dann habe ich ein tolles Netzwerk, und weiß, wer mir womit helfen kann. Das Projekt endet, ein neues beginnt und ich schaue in mein Adressbuch und fange von vorne an.“ So verschwindet Wissen, das eigentlich über Organisationsgrenzen zur Verfügung stehen könnte. Das Nicken aus dem Publikum ist an dieser Stelle fast hörbar. 

Beim Zusammentragen der Ergebnisse diskutieren alle Teilnehmenden über die Einengung, die Förderung manchmal auch bedeutet: Ein relativ enger zeitlicher Rahmen, thematische Vorgaben bestimmen häufig, wo und wie lange Fördergelder fließen. Manchmal mache man so viele Kompromisse, dass die Seele des Projektes vergessen werde, sagt Freund, „weil es gar nicht um die Bedarfe geht, die wir jeden Tag sehen, sondern nur um die Frage: Wie bekomme ich Fördergeld.“ Sie fügt hinzu: „Das ist in diesem Programm anders. Hier bleiben die Bedarfe wichtig und die Seele des Projektes kann atmen.“ 

Zum Abschluss präsentiert der Graphic Recorder Volker Voigt sein Bild vom Tag: Es wird für einen Moment still. Die Zeichnung zeigt die Diskussionen des Tages, die offenen Fragen, die Verbindungen zwischen den Themen. Leicht lassen sich eigene Gedanken im Bild wiederfinden. Dann gibt es Applaus. Vielleicht auch deshalb, weil sichtbar wird, was den ganzen Tag über immer wieder deutlich geworden ist: Vieles von dem Wissen, das für die digitale Zukunft der Sozialen Arbeit gebraucht wird, ist längst vorhanden. Man muss es nur zusammenbringen. – So wie an diesem Tag.